Texte

Die Freiheit des Geistes

 

Nach der Abschlussveranstaltung meiner Ausstellung im Sommer 2013 in der Emmendinger Kulturmühle Mehlsack, fragte mich mein Hausarzt, ob er sich die Werke mal in meiner Wohnung anschauen könne. Ich sagte spontan zu und führte ihn an den Zeichnungen, Gemälden und Collagen in meinen drei Zimmern vorüber, wobei ich entsprechende Erläuterungen beisteuerte. Dann und wann nickte er bedächtig und formulierte schließlich sein Fazit: Ganz beachtlich, aber es sei ihm doch alles zu bedrohlich, düster, erschreckend ...

Nun gut – Kunst ist letztlich reine Geschmackssache, und wir können nicht konstruktiv darüber diskutieren – es sei denn, man hat schlampig gearbeitet und seine eigenen Ansprüche nicht erfüllt. Andererseits habe ich vermutlich meine Gründe, genau diese Art von Kunst zu produzieren. Für mich ist diese Arbeit nicht zuletzt ein intellektuelles Spiel – unter anderen durchaus mit Emotionen, Beklemmungen, dunklen Seiten unserer Psyche und vor allem mit religiösen Konzepten

Die Collage „Reine Kopfsache“ bezieht sich aus meiner Sicht auf die Irrationalität von Höllenvorstellungen religiösen Ursprungs. Vielleicht sieht jemand darin etwas völlig anderes. Auch gut! Dennoch trägt das Klebebild nach wie vor den Titel „Reine Kopfsache“. Und das heißt: Derartige Schreckensszenarien sollten vermutlich nicht unser unausweichliches Schicksal sein – egal wozu wir uns bekennen ... Die Schreckensvisionen sind religiös generierte Hervorbringungen unseres Denkens – übernommen von ominösen Propheten und Meinungsmachern.

Es ist durchaus denkbar, dass es mir bei meiner bildnerischen Arbeit letztendlich um die Freiheit des Geistes geht. Denn nichts ist mir mehr zuwider als Denksperren und die Verkleisterung der Gehirnwindungen. Lasst uns beherzt denken, was selbsternannten Autoritäten ein Dorn im Auge sein mag!

Sollte eines meiner Werke einen wunden Punkt in der Psyche eines Betrachters anrühren, ihn nachhaltig irritieren oder ihn anregen, seine gewohnte Sicht in Frage zu stellen, dann hätte ich mehr erreicht als ich mir träumen ließ ...

Aprospos Träume: Unlängst vernahm ich aus dem Munde des großen Schauspielers Maximilian Schell folgenden indianischen Weisheitsspruch: „Wirklich weise ist, wer mehr Träume in seiner Seele hat, als die Realität zerstören kann.“ (aus der ZDF-Doku-Reihe TERRA X „Der Kriegsruf der Indianer“)

Entfesselter Verstand

 

Sie hat  vermutlich ebenfalls mit der „Freiheit des Geistes“ zu tun: Die Foto-Collage „Über kurz oder lang wird Abdul den Satan steinigen“(August 2013).

Der Protagonist – durch sein Outfit als Orientale ausgewiesen, aber spielerisch-bewusst mit einem Pinguin-Konterfei entfremdet – sieht infolge seines geistig eher weniger freien religiösen Bekenntnisses allerorten die Versuchungen des „Sheitan“: in einer figurbetont bekleideten Frau, dem nachdenklich-meditativen (vielleicht sogar an seiner vermeintlichen Mission zweifelnden) Jesus, in der buddhistisch anmutenden Handskulptur, dem zum Sprung ansetzenden Tier aus der Familie der Hundeartigen, den Fledermausschwingen am Schädel eines unbekleideten Mannes und in dem einladend daliegenden Frauenantlitz ohne geziemende Kopfbedeckung. Der Brocken zur Steinigung liegt schon bereit. Ich war nah daran, ein Glas Whiskey darauf abzusetzen – gewissermaßen um die allgegenwärtige Versuchung zu komplettieren.

Abdul (ich hätte ihn auch Ali, Hassan oder aber Moshe, meinetwegen auch Johannes nennen können) erweckt in mir den Eindruck einer tickenden Zeitbombe – meilenweit entfernt von einem „entfesselten Verstand, der sich „erlaubt, selbständig zu denken“ (Zitat aus Christopher Hitchens: „Der Herr ist kein Hirte – Wie Religion die Welt vergiftet”, München 2009, S. 187).

Christopher Hitchens schreibt: „An manchen Tagen vermisse ich meine alten Überzeugungen wie eine amputierte Gliedmaße. Doch meistens fühle ich mich besser – und nicht weniger radikal –, und so wird es, das garantiere ich, auch dem Leser gehen, wenn er die Doktrinen erst hinter sich gelassen hat und seinem entfesselten Verstand erlaubt, selbständig zu denken.“

Und wie meinte doch der Maler. Bildhauer, Ingenieur und Universalgelehrte Leonardo da Vinci: „Wer wenig denkt, der irrt viel.“

(vgl. dazu auch meine Collage „Schwere und Leichtigkeit“ (September 2013)

 

Stigma

 

Im Vorfeld meiner Ausstellung „Traumwelten“ fragte mich ein guter Bekannter angesichts des Ölgemäldes „Stigma: „Was willst Du denn damit ausdrücken?“

Hätte er mir eine solche Frage gestellt, wenn ich den Triberger Wasserfall, den Schluchsee oder einen Schwarzwaldhof mit Geranien auf dem Balkon gemalt hätte? Wohl eher weniger.

Ich hingegen präsentiere mit „Stigma“ einen bandagierten Kopf, rechts daneben eine braune Wurzel, unten eine entblößte Frauenfigur vor einem weißen Tuch, links einen bläulichen Betrachter und über allem eine ausgedrückte Zigarettenkippe flankiert von zwei mehrfarbigen Silhouetten-Gestalten. Klingt irgendwie abgefahren, was durchaus beabsichtigt ist.

 

Was die Frage nach der Aussage des Gemäldes anbelangt ... Ich könnte auf meine Kindheit und Jugend in der münsterländischen Kleinstadt Dülmen zurückgreifen und weitschweifig von der stigmatisierten Benediktiner-Nonne Anna Katharina Emmerick erzählen, die dort verstarb und begraben liegt. Der Dichter Clemens Brentano verbrachte Wochen am Krankenbett der „ekstatischen Jungfrau“, dokumentierte ihre Visionen und veröffentlichte diese später in drei Bänden. Und ich erwarb ausgerechnet am örtlichen Clemens-Brentano-Gymnasium meine Hochschulreife.

Ein solcher Exkurs würde indes keineswegs das Bild erklären, sondern deutet allenfalls meinen persönlichen Bezug zur Stigmatisierung an.

Aber mal ehrlich: Die Bandagen lassen zwar vermuten, dass die betreffende Person zuweilen die blutenden Wundmale Christi aufweist ... Ob es sich indes um das Antlitz besagter Dülmener Nonne handelt oder um jenes der ebenfalls stigmatisierten Therese von Konnersreuth oder das der Mystikerin Teresa von Aguila – das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Finde es auch unerheblich.

Immer wieder reiben sich Leute an der ausgedrückten Fluppe auf. Wollte ich vielleicht auf meinen körperlichen Verfall und möglicherweise nahen Tod infolge der chronischen Lungenkrankheit COPD hinweisen? Bewusst gewiss nicht. Sollte allerdings jemandem danach sein, dieses Detail als „Vorahnung des siechenden Künstlers“ zu deuten – soll er doch ... In seinem Erkenntnisdrang hat es ihn nicht im Geringsten vorangebracht. Und meines Erachtens wäre es auch allzu platt.

Wie schrieb doch der chinesische Weise Laotse im sechsten vorchristlichen Jahrhundert: „Der Sinn, der sich aussprechen lässt, ist nicht der ewige Sinn.“

Lasst uns wohlig in der Ungewissheit schweben. Das hat doch auch was ... Denn: „Die Malerei ist stumme Poesie, die Poesie blinde Malerei“ (Leonardo da Vinci, 1452 – 1519).

 

Kann ein Künstler seine Werke erklären?

 

Seit ich mich erinnern kann, hatte ich in der Schule und auch später immense Probleme mit der Interpretation von Gedichten, sprich: Lyrik – vor allem mit sogenannt modernen Wortkunstwerken. Glücklicherweise war es zumeist möglich, bei einer Klassenarbeit stattdessen auf ein Sachthema auszuweichen. Erinnern kann ich mich noch an: „Max Horkheimer: Die Idee der Freiheit und ihre Verkümmerung“, schriftliche Abi-Prüfung, Sommer 1970. Da kamen mir mein historisches und soziologisches Wissen, mein politisches Bewusstsein, Logik und Ausdrucksfähigkeit zugute. Da hatte ich meine argumentativen Stützen. Und die haben mich das Abitur überstehen lassen.

Beim besten Willen habe ich allerdings nie verstanden, was beispielsweise der Naturlyriker Günter Eich mit seinem Gedicht „Ende eines Sommers“ ausdrücken wollte.
 
           Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!
 
           Wie gut, dass sie am Sterben teilhaben! 
           Die Pfirsiche sind geerntet, die Pflaumen färben sich,
           während unter dem Brückenbogen die Zeit rauscht.
 
           Dem Vogelzug vertraue ich meine Verzweiflung an
           Er misst seinen Teil von Ewigkeit gelassen ab
           Seine Strecken
           werden sichtbar im Blattwerk als dunkler Zwang,
           die Bewegung der Flügel färbt die Früchte.

Ich verstehe solche Worte bis heute nicht. Vielleicht muss man das auch gar nicht. Womöglich geht es mehr um Gefühle – die mir indes verschlossen bleiben. Bin ich etwa einfach nur zu faul, mich in die Formulierungen zu versenken?Was mich damals fast faszinierte oder gewissermaßen in meiner lyrischen Borniertheit bestätigte, war eine Publikation der Lyrikerin Dr. rer. pol. Hilde Domin. Die dichtende Staatswissenschaftlerin gab 1969 ein Buch mit dem Titel „Doppelinterpretationen“ heraus Fischer-Taschenbuch).Ihre Grundidee: Einunddreißig zeitgenössische Gedichte sollten von einem Kritiker und vom Autor selbst interpretiert werden. Die meisten Lyriker machten aus ihrer Selbstinterpretation wiederum ein neues Kunstwerk so etwa Hans Magnus Enzensberger mit seinem Erguss „an alle fernsprechteilnehmer“. Vier Dichter ließen sich auf Aussagen über ihr Werk nicht ein – unter anderem Günter Grass und eben jener Günter Eich.

Dazu schreibt die Herausgeberin:

Insofern Interpretieren die „Sache verstehen“ meint, hat der Autor von sich aus der Sache nichts hinzuzufügen. Er hat gesagt, was er zu sagen hatte (vermutlich sogar mehr als er darüber wusste oder auch weiß). Und wenn er es nicht gesagt hat, dann kann er es dem Gedicht auch nicht nachträglich anpappen. Daher ist Interpretation auf die Sache hin, also immanente Interpretation, dem Autor nicht zumutbar und kann ihn nicht interessieren.

Ähnliches mag auch auf den bildenden Künstler und seine interpretative Haltung zu den eigenen Gemälden, Zeichnungen oder Skulpturen gelten: Er hat gezeigt, was er zu zeigen hatte, muss aber selbst nicht unbedingt wissen, was das überhaupt war.Die letzten Zeilen des Günter-Eich-Gedichts „Ende eines Sommers“ deute ich jetzt einfach mal als optimistischen Blick in eine mögliche Zukunft des Werkverständnisses:

 

           Es heißt Geduld haben.
           Bald wird die Vogelschrift entsiegelt,
           unter der Zunge ist der Pfennig zu schmecken.

Obwohl – der Pfennig gibt mir zu denken. Steht sein metallischer Geschmack nicht für Bitterkeit? Und überhaupt: Warum soll sich in Sachen Werkverständnis überhaupt was ändern? Haben nicht Geheimnis und Vieldeutigkeit ihren eigenen Reiz? Und just während ich mich meinen Überlegungen zu dieser Thematik hingebe, höre ich in irgendeiner TV-Magazinsendung Karl Lagerfeld den Philosophen Voltaire zitieren: „Alles, was eine Erklärung braucht, ist die Erklärung nicht wert.“                                                                           Zuweilen ist Fernsehkucken doch nicht so doof ...

Fragen stellen

Vor etwa sieben Jahren habe ich auf einer meiner Touren als Hermes-Paketbote in Simonswald und Gütenbach ein skurriles Objekt in Obersimonswald entdeckt: Den Kopf einer Puppe auf einem schmalen Pfahl in freier Landschaft. Den Urheber dieser plastischen Komposition habe ich trotz intensiver Recherchen in der Nachbarschaft nicht ermitteln können. Diese seltsame Installation habe ich im Dezember 2007 mit schwarzem Stift gemalt und die Zeichnung in Anlehnung an einen Roman von Tom Sharpe mit dem Titel “Der Puppenmord" versehen. Thematisch haben meine Zeichnung und der durchaus groteske Sharpe-Roman rein gar nichts miteinander zu tun. Der Protagonist Henry Wilt, Lehrer für Allgemeinbildung an einer Berufschule irgendwo in England, würde es bestätigen, falls es ihn denn realiter gäbe ...                                                                                                                                 Anfang dieses Jahres (2014) habe ich die ursprüngliche Zeichnung um diverse Elemente erweitert und das Werk "Neues zum Puppenmord" betitelt. Der Betrachter mag sich angesichts der aktuellen Konstellation diverse Fragen stellen. Ist der Mörder auf der Zeichnung zu sehen? Betrauert da jemand links im Bild das Geschehene? Gab es eine Strangulation via Gürtel? Und welche Rolle spielt der Anzugträger mit dem Aktenkoffer, der sich flugs der Szene entzieht? Fand überhaupt ein Mord statt? Na, das weiß ich doch nicht ...                                                                                                                                    Aber Fragen stellen finde ich grundsätzlich gut.